Versuch wir es wertfrei!

Die Nachbarin entscheidet sich für einen geplanten Kaiserschnitt­ – Dabei ist doch allen klar, welche Bedeutung die natürliche Geburt für das Kind hat! Hausgeburt, was hat meine Bekannte denn da geritten? Muss das heutzutage noch sein?

Hand aufs Herz: Erwischen wir uns nicht alle ab und zu bei solchen Gedankengängen, die unsere Meinung zu einem Thema verdeutlichen und die Entscheidungen anderer mindestens als fragwürdig klassifizieren? Ein gutes Beispiel dafür ist das Thema „Kinder“ und alles was damit zusammenhängt: Das Bekommen, die Ernährung, die Unterbringung, der Schlaf, die Erziehung…schon hört man es aus allen Ecken wispern. Und natürlich, jeder der sich gedanklich schon mal mit all den Möglichkeiten und Entscheidungen zu diesem Themenfeld beschäftigt hat, kommt nicht drum herum, sich eine eigene Meinung zu bilden! Und das ist gut so! Wann und wie lange ich mein Kind auf welche Weise auch immer betreuen lasse, muss ja auch irgendwann entschieden werden. Für mich. Für mein Kind. Für uns als Familie. Aber nicht für den Rest der Bevölkerung! Nicht für alle Mütter, alle Kinder und alle Familien. Die Fähigkeit Entscheidungen zu treffen und ihnen entsprechend zu handeln, zeichnet uns als Menschen aus. Vorausschauendes Denken, das Abwägen von Wahrscheinlichkeiten, das Lernen aus der Vergangenheit: Was für ein Glück, das wir das können! Und hoffentlich ein Weg zu möglichst guten Entscheidungen. Für uns.

 

Doch warum fällt es uns so schwer auch unserer Nachbarin, unserer Bekannten diese Fähigkeiten zuzutrauen? Warum nehmen wir nicht wie selbstverständlich an, dass auch die Entscheidungen dieser Frauen das Ergebnis sorgfältigen in sich Hineinfühlens sind. Warum glauben wir, dass ihr Hin und Her zwischen Vor- und Nachteilen zu schlechteren Ergebnissen geführt hat. Oder ist es genau anders herum? Ist es das Gefühl, dass unsere eigenen Entscheidungen schlechter sind, wenn sie nicht von den Menschen in unserer Umgebung geteilt werden?

Genau wie uns das Treffen von bewussten Entscheidungen ausmacht, ist es für uns als Mitglieder sozialer Gruppen wichtig, Vergleiche zu ziehen. Wie die Menschen um uns herum leben, kann auch eine Quelle des Lernens und Verstehens sein.

Doch dürfen wir darauf vertrauen, dass die von uns getroffenen Entscheidungen mindestens so gut sind, wie sie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung eben sein konnten. Und wir könnten uns bewusst dafür entscheiden, dies auch für die gewählten Möglichkeiten unserer Mitmenschen anzunehmen.

Denn begegnen wir unseren Mitmenschen wertfrei und mit wohlwollendem Interesse, so werden wir ihnen und uns ein Stück näher kommen.

Auch dafür können wir uns bewusst entscheiden.