Ein fester Punkt am Horizont - Über den Umgang mit einer Krise

Die Nachricht von deutlich verschärften Maßnahmen zur Eingrenzung des Corona-Virus habe ich genau heute vor einer Woche als selbständige Mutter zweier Kinder im Kindergartenalter mit einem kurzen Auflachen quittiert. Zwar war es auch schon vor sieben Tagen nicht die grenzenlose Freude, die sich dort Bahn brach, sondern eher eine Mischung aus Überraschung, Nervosität und Unglauben. Das Wissen, dass für mindestens fünf Wochen unser Konzept als selbständige Eltern nicht funktionieren wird und auch die sonst nutzbaren Sicherheitsnetze (Großeltern, Tanten, Onkel, Eltern von anderen Kindern etc.) keine Option sein werden, führte zu einem nervösen Jonglieren der Möglichkeiten in meinem Kopf. 

 

In der Arbeit mit meinen KundInnen steht immer die Entwicklung neuer Perspektiven in zugespitzten Situationen im Fokus. Diesen Job nahm mir meine vierjährige Tochter am vergangenen Freitag kurz ab, als sie mir freudestrahlend erklärte: “Fünf Wochen Ferien, Mama, das haben wir uns doch alle so gewünscht!” 

Klar, hatten wir nicht mal von einer Auszeit geträumt? Und aus der Sicht einer Vierjährigen ist der Unterschied vielleicht gar nicht so groß. Und das ist gut so!

 

Und doch, für uns Erwachsenen sieht die Welt aktuell anders aus. Neben der Sorge um Gesundheitliche Risiken erlebe ich in meinem direkten Umfeld schon nach einer Woche einschneidende Konsequenzen. Menschen mit “sicheren” Jobs in immerwährenden Branchen unterschreiben ihre Einverständniserklärungen für Kurzarbeitregelungen, immer mit der Sorge im Bauch, wie lange eine solche Ausnahmeregelung wohl von Nöten sein wird. Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen sehen sich mit erheblichen Umsatzeinbrüchen konfrontiert und versuchen nach Kräften die Folgen für Ihre Mitarbeitenden so gering wie möglich zu halten. Selbständige und FreiberuflerInnen, die direkt von der wirtschaftlichen Situation ihrer Auftraggeber abhängig sind, oder von der Frage, ob Gruppenveranstaltungen stattfinden können, stehen vor existenzbedrohenden Auftragsstornierungen. Eltern die den Spagat zwischen Beruf und Familie in seiner Essenz erleben. Und vor der Aufgabe stehen, ihre Sorgen auf engstem Raum nicht auf die Schultern ihrer Kinder zu legen. 

 

Wenn mich jemand fragt, ob ich all dies bei meiner Reaktion auf die Nachrichten vom letzten Freitag vor Augen hatte? Nein. 

 

Und doch bleibt auch hier die Frage, welche Handlungsoptionen bleiben uns? Wie schützen wir unser seelische Gesundheit, wie die Sorgenfreiheit unserer Kinder? Wie begegnen wir uns unterstützend in einer Zeit ohne Begegnungen. 

Als Systemikerin stellt sich mir die Frage, welche Stärken stecken in unseren sozialen Systemen und in uns selbst, um diese Krise zu meistern? Wie schaffen wir es, den Kopf wieder zu heben, um eine Chance auf neue Perspektiven zu haben?

 

 

ALLE STRESSFELDER BETRACHTEN

Um einen klaren Blick auf die Situation zu erhalten ist es notwendig, einen umfassenden und möglichst realistischen Blick auf die Situation zu erhalten. Hier ein paar Felder, die in der aktuellen Krise Sorgen bereiten können:

 

GESUNDHEIT, eigene und die der Angehörigen

ARBEIT, Durchführbarkeit, Verantwortung für Mitarbeitende und KundInnen

FINANZEN, aktuelle und langfristige Situation

FAMILIE, Situation des/der PartnerIn, Betreuung der Kinder, Versorgung anderer Angehöriger

 

Betrachten Sie die unterschiedlichen Felder einzeln. Es treffen gar nicht alle auf Sie zu? Um so besser. Machen Sie sich deutlich, in welchen Bereichen es nicht schwierig ist. Was funktioniert trotz allem noch? 

Diffuse Sorgen in den unterschiedlichen Bereichen wirken oft erdrückend und lähmend auf uns. Eine Bestandsaufnahme der Situation schafft Klarheit und macht die Suche nach Lösungen möglich. 

 

 

BEGEGNUNGEN ERHALTEN

Klar, direkt und hautnah sollen wir aktuell niemandem begegnen. Und viele UnternehmerInnen und FreiberuflerInnen schaffen es, die Raffinessen der Technik für ihre Kundenprojekte und Arbeitsabläufe gut zu nutzen. Doch begegnen wir momentan nicht nur unseren Kunden nicht. Auch unserem Netzwerk und Mitstreitern bleiben wir fern. Doch sind es genau die, die wir jetzt so dringend brauchen. Denn wir sind mit dieser Krise alles, aber nicht allein! Gerade jetzt ist das gemeinsame Mittagessen so wichtig, die geteilte Zigarettenpause so relevant. Und auch das geht remote! Es ist mit Sicherheit Zeit für digitale Lösungen und es ist höchste Zeit für Solidarität!

 

 

MÖGLICHKEITEN NUTZEN

Die Verantwortungsträger in unserem Land sehen die schwere Situation der UnternehmerInnen und FreiberuflerInnen. Sie sind dabei Lösungen zu suchen. Wie diese aussehen und ob sie für Jede/Jeden eine echte Erleichterung darstellen, wissen wir heute noch nicht. Doch im Moment geht alles recht schnell. Also hoffen wir auf echte Erleichterungen. Bleiben Sie auf dem Laufenden, welche Möglichkeiten geschaffen werden (z.B über die frisch eingerichtete Seite des Hamburger Unternehmens Jimdo https://www.jimdo.com/de/magazin/corona-hilfen-fuer-selbststaendige-kleine-unternehmen)

Die Hilfen sind dafür da, in Anspruch genommen zu werden.

 

 

BACK TO THE ROOTS

Zwar ist dies eine einmalige Situation, die es in diesem globalen Umfang noch nicht gegeben hat. Doch es ist bei Weitem nicht die erste Krise, die wir Menschen zu meistern haben. Jeder und Jede schaut auf persönliche Krisen zurück, die gemeistert werden konnten. Wir alle sind Nachkommen von Generationen erprobter Krisenakteure. Der Beweis? Wir sind heute hier!

Und was früher wirksam war, kann heute mindestens eine Handlungsidee sein! Also: Wie haben unsere Eltern, Großeltern, Vorbilder Krisen gemeistert? Steckt nicht auch ein Stück von ihnen in uns? Genau zurückzublicken wird oft mit neuen, hoch aktuellen Perspektiven belohnt.

 

Bei drohender Seekrankheit, wenn alles um uns herum ins Schwanken gerät, hat es sich bewährt, einen festen Punkt am Horizont zu suchen.

 

Ich wünsche allen viel Gesundheit, sorgenfreie Momente und einen festen Punkt am Horizont.

 

Lea Spitzenberg