Das WIR gewann

Ein Virus macht keinen Unterschied. Zwischen Alt und Jung, zwischen Arm und Reich, zwischen Männern und Frauen. Die Maßnahmen zur Bekämpfung tun es nun schon. Und reißen damit ein wichtiges Prinzip ein, durch das sie bisher getragen wurden. 

 

Die jüngeren Schulkinder, die Kindergarten- und Krippenkinder bleiben bis auf Notgruppenberechtigte in Niedersachsen und anderen Bundesländern bis nach den Sommerferien zuhause. Das sind 17 Wochen. Es steht außer Frage, was das für die Kinder bedeutet.

Und da ist er, der Unterschied zwischen Jung und Alt. 

 

Ich überlasse es Fachleuten der Pädagogik, der Bildungswissenschaften und der Sozialwissenschaften lautstark und mit Nachdruck diese Folgen zu benennen. Für mich ist es ein Spiegel dafür, dass frühkindliche Bildung, die die Kernaufgabe hat, Chancengleichheit in unserem Land endlich Realität werden zu lassen, immer noch nicht in ihrem Wert anerkannt wird. Kindertagesstätten sind in den Augen der Entscheidungsträger immer noch nicht ein Ort elementarer Bildung, sondern eine Aufbewahrungsstätte für den Nachwuchs überambitionierter Eltern. 

 

Meine Perspektive richtet sich persönlich und in meiner täglichen Arbeit aber auf die gesamte Familie. Und hier sind alle Familien mit Kindern unter 6 Jahren die Gekniffenen! Jeden Tag habe ich in den letzten Wochen Eltern beraten und die Frage “Wie schaffen wir es, die nächsten vier Wochen für alle gut zu gestalten” stand oft im Fokus. Im Sinne der Stressprävention sahen die Ergebnisse vor, sich erst einmal um die nötigsten Aufgaben zu kümmern, Prioritäten zu setzen, klar zu kommunizieren und Zeitpläne einzuführen. Das funktioniert. Aber nicht 17 Wochen. Eltern, die im Homeoffice Schichtdienst einführen. Teil 1 von fünf bis elf Uhr. Teil 2 zwischen elf und acht. Ach ja, die Kinder sollen ja nicht mit zum Einkaufen...okay, da rettet vielleicht noch der Mittagsschlaf der Kleinsten. 

 

Die Machbarkeit wird mit fortschreitendem Zeitfenster jedoch geringer. Klar kann ich einiges ein paar Wochen nach hinten schieben. Klar kann ich ein paar Wochen von fünf bis 22 Uhr Leistung erbringen. Denn, mit kleinen Kindern endet die Arbeit nicht, wenn die Schicht im Homeoffice endet. 

 

Alle Familien, die nach der Geburt der Kinder viel Zeit, Mühe, Geld und Herzblut da rein investiert haben, ein gleichberechtigtes Familienmodell zu leben, werden nun mit einem Satz, die Kitas sollen bis zu den Sommerferien geschlossen bleiben, abgespeist. Und es sind in den meisten Fällen die Frauen, die in die Bresche springen. Warum? Weil sie aus bekannten Gründen die schlechter Bezahlten sind, sie die Stunden reduziert haben; die, die auf Grund des Kinderkriegens den Karriereknick in Kauf genommen haben. Und nicht weil sie mit verkappten Patriarchen zusammen leben. Auch den Vätern tut es in der Seele weh zu sehen, dass das Versprechen der Vereinbarkeit das erste ist, was über den Jordan geschickt wird. 

Da ist er, der Unterschied zwischen Mann und Frau. 

 

 

Warum sind es dann nicht die Männer, die einspringen, wenn es sie doch so schmerzt?

Es sind auch die Väter die oft ihr Möglichstes tun, um die Situation mit zu tragen. Doch wenn es um die Frage geht, die finanzielle Existenz der Familien zu sichern, ist es nicht mehr eine Frage des guten Willens. 

Da ist er, der Unterschied zwischen Arm und Reich.

 

 

Selbstverwirklichung vor Corona-Schutz?

Ich stelle mir seit gestern ernsthaft die Frage, was wir in den Augen der Entscheidungsträger  tun, während unsere Kinder in der Kita betreut werden. "Wenn zwei arbeiten, dann ja nur, weil mindestens einer/eine sich selbst verwirklichen möchte?" Ausweitung der Notgruppen also nur für jene, die wirklich etwas beitragen. Aber es sind genau die, die jetzt wieder anfangen sollen zu arbeiten, die Kinderbetreuung benötigen. Auch LehrerInnen haben Kinder im Kindergarten. Aber auch FriseurInnen und SchuhverkäuferInnen. Naja, das ist ja nicht “systemrelevant”... für das System der Betroffenen sehr wohl, und zwar für die Existenz des Systems. Ach ja, ich kenne tatsächlich auch ErzieherInnen mit eigenen Kindergartenkindern. Werden ihre Kinder nicht betreut, können sie selbst keine Notgruppe leiten. 

 

 

Aber es geht doch um den Schutz unserer Gesundheit!

Auch ich habe es noch vor zwei Monaten nicht für Möglich gehalten, welche schweren Fragen nun auf uns alle und besonders auf die Entscheidungsträger in unserem Land zu kommen würden. Und ja, es müssen Antworten gefunden werden. Wir alle werden uns auf nicht absehbare Zeit einschränken. Meine Erwartung ist, dass die jetzt entstehenden Sorgen und Nöte von Familien mit kleinen Kindern gesehen werden. Und Lösungen zeitnah folgen. Es gilt nicht nur Wirtschaftssysteme zu stärken, sondern vor allem Familiensysteme. 

 

An dieser Stelle möchte ich die Weltgesundheitsorganisation zitieren: 

“Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.” Ob dieser Optimalzustand überhaupt zu erreichen ist, ist fraglich. Mit der Entscheidung vom vergangenen Mittwoch werden aber Familien mit kleinen Kindern daran gehindert, danach zu streben. 

Die Folgen werden systemrelevant sein!