Alle träumen davon und keiner weiß, ob es sie wirklich gibt: Vereinbarkeit

Der Chef klemmt am Telefon zwischen Schulter und Kinn. Marlen hat Hunger und ist entsprechend schlecht gelaunt. Klar, halb eins, Zeit fürs Mittagessen. Die Tomatensoße zu den Nudeln blubbert ja auch schon fröhlich im Topf. Kurz noch etwas höher drehen, dann kann es gleich losgehen. Johann, seit kurzem windelfrei, verkündet: Ich muss Pipi! Okay, das bedeutet, die Toilette sollte in maximal 20 Sekunden erreicht sein, sonst schwimmt die Küche. Der Chef hat Verständnis, er managt grad selbst drei Kinder im Homeschooling. Und im Schrank gibt es noch ein zweites Glas Tomatensoße. Also, Angebranntes herauskratzen und auf ein Neues!

So, oder so ähnlich sah es in den vergangenen Wochen in vielen Familien aus. Die Frage, wie die Kinderbetreuung und das Arbeiten unter einen Hut zu kriegen sind, wurde auf die Spitze getrieben. Und oft zeigen sich in solchen Momenten die Stärken und die Herausforderungen gleichermaßen deutlich. Und das in ein und derselben Tatsache: Welch ein Glück, das Arbeiten im Homeoffice ist möglich - wie anstrengend doch die Arbeit im Homeoffice sein kann! 

In einem Seminar zum Thema Karriere und Kind sagte vor der Corona-Krise eine Teilnehmerin zu Abschluss: “Ich nehme mit, dass Vereinbarkeit ein langer Prozess ist… Und dabei hatte ich mir doch so sehr eine Checkliste mit Geling-Garantie gewünscht!”

Ich kann den Wunsch dieser Mutter nur zu gut verstehen. Wie schön wäre es, wenn eine gute Vorbereitung auf den Spagat zwischen Job und Familie ein dauerhaftes Gelingen garantieren würde! Und doch halte ich solche Versprechungen und angeblichen Erfolgsrezepte für wenig hilfreich bis riskant. Ist die Rede von Spagat zwischen Kind und Karriere habe ich schnell das Bild vor Augen, dass ich mit genügend Training und Dehnübungen über die eigenen Grenzen hinaus eine bessere Version meiner Selbst schaffen kann, die diese Übung problemlos meistert. Ist das das Ziel? Und wenn es scheinbar alle mit diesen Rezepten schaffen, einen gelassenen Umgang mit den täglichen Herausforderungen zu etablieren, ich aber nicht, was stimmt dann nicht mit mir? 

Nach vielen Seminaren mit arbeitenden Eltern, Beratungen und Gesprächen mit Freunden und Bekannten habe ich für mich eine ganz andere Liste erstellt, wenn es um die Frage der Vereinbarkeit geht:

 

Vereinbarkeit ist ein Prozess

Familie beginnt für mich in dem Moment, in dem die erste Idee von einer gemeinsamen Zukunft auftaucht. Mit der Schwangerschaft nimmt sie fühlbare und sichtbare Formen an. Mit der Geburt wird sie greifbar und hörbar. Mit der Trotzphase streitbar und mit jedem weiteren Schritt beweist sie die Wandelbarkeit von Familiensystemen. Veränderung und Entwicklung in ihrer reinsten Form. Und genau hier reiht sich auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Sie ist in diesem Prozess eine weitere Größe, die der ständigen Verwandlung unterliegt. Sie muss mit allen Beteiligten permanent neu verhandelt werden und auf Machbarkeit geprüft. “Das haben wir doch früher mal so vereinbart!” ist ein Argument, dass ich häufig höre, wenn ein Elternteil sich eine Veränderung wünscht. Doch, was war schon früher so, wie es heute ist?

Mit meinem ersten Kind schwanger, in den letzten Zügen des Studiums war für mich klar: Das Kind würde seinen Vater regelmäßig morgens ins Büro begleiten und seine selbständige Arbeit mit fröhlichem Babyglucksen verschönern. So könnten wir beide unseren Tätigkeiten gleichberechtigt nachgehen. Doch da hatte ich unsere Tochter mit ihrem wunderbar willensstarken Temperament nicht mit einkalkuliert. Und so stand schnell die erste Veränderung dieses Plans an. Es folgten unzählige weitere. Mittlerweile sind wir trainiert: Im ständigen neu verhandeln, neu gestalten. 

 

Mannschaftssport statt Einzelwettkampf

Die Lösungen werden kreativer, je mehr Köpfe mitdenken. Und je mehr Familienmitglieder am gleichen Ziel arbeiten. Dazu tut es gut, dass gemeinsame Ziel zu kennen und zu benennen. Vielleicht lautet es: Uns soll es allen gut gehen!. Oder: Jeder darf wachsen!. Kinder sind dabei in ihren Bedürfnissen besonders ernst und wichtig zu nehmen, je geringer ihr eigener Handlungsspielraum ist. Aber auch die Bedürfnisse von Eltern haben ihren Wert. Ist doch auch ihr gesund Bleiben in diesem Prozess ein zentraler Pfeiler für das Familienleben. Sie sind die Vorbilder für ihre Kinder, auch darin, die eigenen Grenzen zu wahren. 

Vereinbarkeit ist für mich ein Mannschaftssport. Wer Teil dieses Teams ist, ist höchst unterschiedlich. Manchmal spielen Eltern ein prima Doppel. Manchmal ergänzen Großeltern und Verwandte. Aber auch Freunde und externe BetreuerInnen können den Staffelstab übernehmen. Zentraler Kern sind natürlich die Kinder selbst. Sie gestalten mit und entwickeln dabei gleich den nötigen Teamgeist. 

Diese Erkenntnis zieht aber auch unweigerlich Folgendes nach sich: Was in einer Familie funktioniert, kann schon für die nächste vollkommen ungeeignet sein. Das macht es nicht einfacher. Nimmt aber den Vergleichsdruck.

 

Dehnung und Entspannung

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen! Ich glaube jedoch, dass es in unserem Fall nicht um die Perfektionierung von Fähigkeiten geht. Mit Sicherheit ist es gut, die ein oder andere bewährte Methode schon gefunden zu haben, um den Herausforderungen zu begegnen. Jedoch versuche ich mich eher darin, mit der ständig notwendigen Flexibilität gelassener umzugehen. Die Corona-Zeiten waren dafür ein grenzenloses Übungsfeld! Jede Dehnung mach nur in Verbindung mit anschließender Entspannung Sinn. Na klar kann ich ab uns zu über meine Kraftgrenzen gehen. Vielleicht merke ich das auch erst, wenn es schon passiert ist. Doch langfristig ist das nur möglich, wenn eine angemessene Entspannung folgt. Ich erlebe oft Menschen, die das Gefühl haben, dieses Entspannen verlernt zu haben. Höchste Zeit für eine Auffrischung dieser elementaren Fähigkeit. Hier ist echtes Training angebracht!

 

Alles geschieht in einem Kontext

Vereinbarkeit ist ein langfristiger, individueller, kraftfordernder Prozess. Okay. Aber er findet nicht nur in den Familien und den Kinderbetreuungen statt. Er geschieht in einem  gesellschaftlichen Kontext. Er wird gefordert, gefördert und verhindert, gleichzeitig! Wenn wir Familien wirklich dazu befähigen wollen, eigene Lösungswege zu finden, dann müssen wir die Rahmenbedingungen schaffen. Und wir müssen es ihnen zutrauen. Es geht nicht um die Frage, ob es besser ist, wenn Mütter zuhause bleiben oder Vollzeit arbeiten. Es geht um die Frage, wie wir unterschiedliche Entscheidungen ermöglichen. Eine Entscheidung ist erst dann eine Entscheidung, wenn eine Wahl bestand. Lange haben Frauen gedacht, dass sie nur ausreichend dafür kämpfen müssen, mitentscheiden zu dürfen. Aber das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir alle sind Töchter und Söhne, Mütter und Väter, Brüder und Schwestern und sollten ein Grundinteresse daran haben, dass Entwicklung möglich ist! Für alle.

 

Und jetzt? Keiner dieser Punkte eignet sich für eine To-Do-Liste. Sie sind eher gesammelte Erkenntnisse, die für jede und jeden Anderen auch ganz anders lauten können. Für mich sind sie Erinnerungen daran, dass wir uns auf einen Weg begeben haben, den wir gestalten dürfen, können und wohl auch müssen. Am Besten zusammen